Dass Matthias Vernaldi (1959-2020), langjähriger Vorstand von ambulante dienste e.V., noch heute sehr fehlt, wurde am Samstag, den 11. Juli 2026, im Südblock bei der Veranstaltung „Krüppel im Aquarium“ sehr deutlich. Die Veranstalter hatten Birgit Stenger, Rebecca Maskos, Tom Franke, Martin Theben und Stefan Weise eingeladen, im Rahmen eines Erzählcafes aus ihren unterschiedlichen Perspektiven über ihre Erlebnisse mit Matthias zu erzählen. Eileen Moritz moderierte die Runde kenntnisreich und ausgehend von einem biographischen Überblick über Matthias Vernaldis Leben und fand dabei Gelegenheit, auch die zahlreich erschienenen Besucher mit einzubinden, unter denen sich viele Weggefährten von Matthias befanden, zum Beispiel seine Schwester Claudia, Peter Reitz und fast die gesamte Mondkalb-Redaktion.
Matthias Vernaldi war in der DDR geboren und früh von seiner Familie getrennt worden, um überhaupt eine Schulbildung erhalten zu können. In seinem 1994 erschienenen autobiographischen Roman „Dezemberfahrt“ berichtet er neben Anderem über das Ausgeliefertsein und die Gewalterfahrungen, die er als Kind im Internat machen musste. Rebecca Maskos, frühere Mondkalb-Redaktionskollegin von Matthias, machte deutlich, dass diese Erfahrungen sein gesamtes Leben und seine Haltung zu freiem und selbstbestimmtem Leben geprägt haben und damit die Grundlage für seine spätere politische Arbeit waren.
Ende der 70er Jahre gründeten Matthias und andere Menschen mit und ohne Behinderungen in Hartroda eine Landkommune, die in der Geschichte der DDR einzigartig war und schnell ins Visier der Stasi geriet. Tom Franke, der Matthias zuerst in Hartroda getroffen und später die gesamte meterbreite StaSi-Akte über die Kommune und Matthias selbst zur Vorbereitung auf ein Filmprojekt gelesen hat, stellte anschaulich dar, wie intensiv die Kommune durch die Staatssicherheit beobachtet und bedroht wurde und wie menschenfeindlich dabei deren Blick auf die Kommunarden war.
Anfang der 90er Jahre kam Matthias Vernaldi als „Assistenzflüchtling“ nach Berlin, wurde Kunde und später Vorstand von ambulante dienste e.V. und begann sich in vielfältiger Weise politisch zu engagieren. Martin Theben wies auf Matthias‘ Fähigkeit hin, aus persönlichen Betroffenheiten politisches Handeln zu entwickeln. So musste Matthias feststellen, dass seine Möglichkeiten zur sexuellen Teilhabe in Berlin viel eingeschränkter waren als dort, woher er gerade kam. Er gründete mit Anderen die Initiative „Sexybilities“, die Menschen mit Behinderungen beratend unterstützte sowie in Zusammenarbeit mit Hurenorganisationen und namentlich Stephanie Klee Veranstaltungen und Tagungen zum Thema Behinderung und Sexualität organisierte.
Birgit Stenger, die mit Matthias Vernaldi viele Jahre im Landesbehindertenbeirat saß und maßgeblich an der Entwicklung des LK32 beteiligt war, der Beschreibung und gesetzlichen Festschreibung der Persönlichen Assistenz in Berlin, stellte eindrücklich dar, wie sehr Matthias für seine Themen brannte, wie freundlich und verbindlich er agierte und wie sehr Menschen mit Behinderungen im Kampf um gesellschaftliche Teilhabe und selbstbestimmtes Leben auf die Unterstützung von vielen anderen Menschen angewiesen sind, die diese Anliegen verstehen. Umso mehr in Zeiten, in denen nicht nur die schwer erkämpften Rechte von Menschen mit Behinderungen abgetragen werden, sondern auch die Demokratie als solche bedroht ist.
Stefan Weise, der Matthias Vernaldi viele Jahre lang als Persönlicher Assistent begleitet hat, illustrierte die Ausführungen mit einigen Anekdoten, die den Witz, die Schlagfertigkeit und die geistige Präsenz von Matthias bis an sein Lebensende zeigten sowie seine Fähigkeit, jedwede Fragestellung aus einer unerwarteten Perspektive zu betrachten, die oft Lösungsmöglichkeiten aufscheinen ließ.
Nach zwei Stunden waren sich alle Beteiligten einig, dass Matthias Vernaldis Perspektiven und seine Stimme vor allem heutzutage besonders fehlen und dass noch lange nicht alles über ihn gesagt wurde, was hätte gesagt werden müssen. Die Veranstaltung klang aus mit Speisen, Getränken und Musik, die Matthias geliebt hat, sowie noch vielen langen Gesprächen bis spät in den Abend.
